Interview: Nick Brauns
»LULA REGIERT FÜR DIE REICHEN«
12 Fragen über Brasilien im
Umbruch
Gespräch mit
Emilio Astuto[1]
über die Bilanz
der Regierung Lula in Brasilien,
über
Arbeitslosigkeit und die Bekämpfung des Hungers,
über den
Einfluss des Internationalen Währungsfonds und die Landlosenbewegung
Oktober 2004
Frage 1: Als Lula im Januar
2003 zum Präsidenten gewählt wurde, herrschte große Euphorie unter der
brasilianischen Bevölkerung. Auch für die Antiglobalisierungsbewegung in Europa
und den USA wurde Lula zu einem Hoffnungsträger. Wie ist die Bilanz seiner
bisherigen Regierungszeit?
Laut einer aktuellen Meinungsumfrage der bürgerlichen
Zeitung DATAFOLHA - FOLHA DE SÃO PAULO ist die Ablehnung der Regierung Lula im Moment
größer als ihre Akzeptanz.
Lula bezahlt weiter den Preis des Verrats an den
brasilianischen Arbeitern und der armen Bevölkerung, weil er die Vorgaben des
Internationalen Währungsfonds (IWF) in Brasilien durchsetzt.
Soweit Lula die Erwartungen des Volkes frustriert,
erlebt er zurzeit einen starken Verlust seiner Popularität. Die Enttäuschung
ist enorm, da die große Mehrheit der Arbeiter und Landlosen Brasiliens dachten,
wenn sie einen Arbeiterführer aus den historischen Streiks der 70er Jahre von ABC
wählen, dem wichtigsten Industriegebiet von Brasilien und Lateinamerika,
könnten sie, ein besseres Leben haben.
Alle meinten: "Jetzt geht es. Wir haben einen
Präsidenten, der unsere Schwierigkeiten kennt“.
Aber nach mehr als 500 Tage der Regierung Lula sehen
die Arbeiter und Landlosen immer deutlicher, dass ihre Hoffnungen und
Erwartungen nicht erfüllt werden.
Lula regiert für die Reichen.
Das Land bleibt weit offen für die
US-amerikanischen, japanischen und europäischen multinationalen Konzerne. Das
für den öffentlichen Dienst (Gesundheit und Bildung usw.) notwendige Geld wird
durch riesige erstrangige Überschüsse (Primary Superavits) Außerlandes
geschickt, um die Zinsen der Außenverschuldung zu bezahlen und die Gewinne der
internationalen Bankiers zu vermehren.
Soweit dieser Prozess der Überschussbildung sich
fortsetzt, verhandelt Lula mit Georg W. Bush im Rahmen der gesamtamerikanischen
Freihandelszone (FTAA/ALCA) die Abgabe der brasilianischen Souveränität.
Frage 2: Greift auch die
»linke« Regierung Lula zum Allheilmittel der Privatisierung?
Der IWF fordert, daß die
Regierung Gewinn macht, um mehr Gelder an die kreditgebenden Banken zu
bezahlen. Bereits die Vorgängerregierung Cardoso erzielte im Jahr 2002 einen
Überschuß von 3,9 Prozent. Lula setzt jetzt ein Abkommen mit dem IWF um, das
einen noch höheren Überschuß garantiert. 4,25 Prozent waren es im Jahre 2003.
Dies ist nur möglich durch die Kürzung der staatlichen Ausgaben für Bildung und
Gesundheit etc. Daher laufen momentan Kämpfe gegen die Privatisierung der
Universitäten. Eine andere »Reform« der
Regierung Lula betrifft die Privatisierung der Kranken- und Rentenversicherung
für die Angestellten des öffentlichen Dienstes. Die »Reform« wird als Lösung
für die Übel der Wirtschaft des Landes präsentiert und das Vorsorgesystem als
der große Übeltäter dargestellt. Die Bevölkerung wird mit betrügerischen Zahlen
bombardiert, die ein kolossales Defizit des Kranken- und
Rentenversicherungssystems und dessen drohenden Ruin suggerieren, obwohl es in
Wirklichkeit Überschüsse gibt. Die Angestellten des öffentlichen Dienstes
ihrerseits werden als »Privilegierte« bezeichnet, um sie gegen die Arbeiter des
privaten Sektors auszuspielen und die Arbeiterklasse zu spalten. Warum so viele
Lügen? Weil der IWF, die Weltbank und die Regierung Lula die öffentliche
Versicherung so schnell wie möglich ohne irgendeine Diskussion privatisieren
wollen. Als Lula noch in der Opposition war, hat die Arbeiterpartei geholfen,
den gleichen Reformplan, den sie jetzt einführen will, abzuwehren. Damals
erklärte sie, daß eine verfassunggebende Versammlung für eine Kranken- und
Rentenversicherungsreform erforderlich sein würde. Heute ahmen sie den
»Reform«vorschlag von Cardoso und gleichzeitig dessen totalen Mangel an
demokratischer Mitbestimmung nach.
Frage 3: Lula hat ein
Null-Hunger-Programm verkündet. Wieweit ist er mit
der Bekämpfung des Hungers gekommen?
Das Nullhungerprogramm ist ein Fiasko.
Dieses Programm schafft nicht den Hunger der armen
Massen Brasiliens ab. Sein Fiasko erklärt sich durch seine karitative Logik,
die nicht einmal die Verzweiflung Millionen von Hungerleidenden Brasiliens
mildert.
Ein Programm, das nicht die Großgrundbesitzer,
Börsespekulanten, Großhändler und Kapitalisten aller Art angreift und nicht
Notmaßnahmen ergreift, wird nie als Hilfeprogramm funktionieren.
Bisher wurde Gutscheine im Wert von 50 Real, etwa 17
Euro, pro Monat an 50 000 Familien im Nordosten vergeben, während in Brasilien
44 Mio. Menschen leben, die an Hunger leiden.
Die Lula Regierung behauptet, dass das
Markenprogramm für die Ernährung rund 20 Milliarden Real, also 7 Milliarden
Euro kosten würde, um 9,3 Mio. arme Familien im Jahr zu unterstützen.
Allein die Zahlungen Brasiliens für Zinsschulden im
Jahr 2003 würde reichen, um achtmal soviel armen Familien zu helfen.
Man kann mit einem echten Programm zur Bekämpfung
des Hungers nicht diametral
entgegengesetzte Interessen versöhnen.
Die Prioritäten der Regierung Lula werden klarer,
wenn man bedenkt, dass sogar das Budget des NullHungerprogramms beschnitten
wurde, um die Bezahlung der Staatschulden zu garantieren.
Frage 4: Lula hat den Kampf
gegen Arbeitslosigkeit verkündet. Hat er bisher Erfolg gehabt?
Die Arbeitslosigkeit viel schlimmer geworden.
Nach Angaben des Brasilianischen Instituts für
Geografie und Statistik (IBGE) wächst sie ständig.
Eine Studie des gewerkschaftlichen Instituts für
Statistik und sozioökonomische Studien (DIEESE) zeigt, dass sie Z.B. in São
Paulo rund 20% beträgt.
Außerdem setzte die Regierung im April 2004 eine
allgemeine Einkommensreduzierung von 3,5% Prozent durch. Lulas Vorschlag für eine
Mindestlohnerhöhung ist unbedeutend und bisher nicht vorhanden. Wenn irgendeine
"Vorstellung" in diesen letzten 500 Tagen stattfand, kann man sagen,
dass sie ein Drama und der Ausdruck einer Tragödie war.
Die Arbeitslosigkeit ist
die Hauptsorge für 90 Prozent der Bevölkerung.
Abertausende
Hochqualifizierte versuchen in Rio de Janeiro beim COMURB, eine freie Stelle
als Müllmann oder Totengräber zu finden: Telekommunikationstechniker,
Ingenieure, Rechtsanwälte, Experten der Werbebranche, also Menschen, die Abitur
oder Universitätsabschlüsse haben.
Die Polizei setzte
Tränengas gegen Arbeitslose ein, die sich bei der Bewerbung für eine
Arbeitsstelle bei einer städtischen Reinigungsfirma mit einer kilometerlangen
Schlange konfrontiert sahen.
Die Szene bewegte das
ganze Land: Menschen weinten, weil sie nach Stunden in der Schlange einige
Papiere verloren hatten und sich nicht einschreiben konnten, andere verzweifelten,
weil sie sich nach langem Warten mitten in einem Tumult mit Tränengas befanden.
Nicht weniger als 3,8
Prozent der Bevölkerung der Stadt Londrina im Bundesland Paraná – 17 000
Menschen – haben um einen Arbeitsplatz auf dem städtischen Friedhof konkurriert.
Jede Familie in Brasilien hat entweder einen
Arbeitslosen oder kennt einen arbeitslosen Freund und vor allem ein Mitglied
der Familie, das befürchtet, entlassen zu werden.
Die Hoffnung, dass der Präsident Lula den Kummer
derjenigen beenden würde, die momentan noch eingestellt sind und die
Hoffnungslosigkeit der Arbeitslosen aufheben würde, wird ersetzt durch die
Angst und die Verzweiflung. Die 10 Mio. Arbeitsplätze, die von Lula in der
Wahlkampagne versprochen wurde, sind pulverisiert worden. Bei den
Einstellungen, die eventuell stattfinden, sind die Selbständigen und
Schwarzarbeiter vorwiegend.
Neben der Arbeitslosigkeit wächst die Zahl der
Arbeiterinnen ohne Recht auf Kranken- und Rentenversicherung sowie feste
Arbeitsverträge usw.
Das ist das Wachstum der Arbeitslosigkeit und der
prekären Arbeitsverhältnisse.
Frage 5: Die
Landlosenbewegung gehörte zu den wichtigsten Unterstützern der Arbeiterpartei.
Warum ist die Landfrage für Brasilien so wichtig?
Die Agrarfrage
ist eine Hauptursache der außerordentlichen sozialen Polarisierung in
Brasilien.
Der Kampf der Landlosen in
Brasilien umfasst rund 23. Mio. Menschen.
Ihnen stehen etwa 27 000
Großfarmer gegenüber.
Der Agrarminister Roberto Rodrigues verteidigt klar
und deutlich die Großgrundbesitzer und behauptet, dass der Agrarhandel der
Schlüssel sei, damit Brasilien zum größten Agrarproduzent der Welt wird.
An der Spitze der Agrarproduktion stehen Soja und
andere Exportprodukte.
Dies ist eine Politik, die nur die Großgrundbesitzer unterstützt.
Das auf Agrarexport ausgerichtete Wirtschaftsmodell
ist Ursache der Misere: es zerstört die auf familiärer Basis organisierte
Produktion, verursacht Abwanderung, Arbeitslosigkeit und Konzentration des
Grundbesitzes.
Ziffern zeigen die extreme
Eigentumskonzentration. Die Regierung hat die Geldmittel für die Agrarreform
beschnitten, um die Zinsen der Bankiers zu bezahlen.
Die Regierungsausgaben für Wohnung und Agrarreform
entsprechen noch nicht einmal einem Tag der Zinszahlung der Außenverschuldung.
Von den
ursprünglich vorgesehenen U$ 154 Mio. des Etats 2003 sind U$ 83 Mio. übrig
geblieben und das Nationalinstitut für Kolonisierung und Agrarreform von
Brasilien, INCRA, konnte nur über U$ 54 Mio. verfügen.
Lula versprach,
400 000 Familien in seinen 4 Jahren Mandat Land zu geben.
Aber es wurden
selbst nach Regierungsangaben bisher 58 000 Familien angesiedelt.
Frage 6: Wie ist das
Verhältnis zwischen der Regierung und der Landlosenbewegung heute?
Zwischen
1985 und 2001 wurden unter der Ägid des "Brasilianischen Demokratischen
Rechtsstaates" 1.208 Landlose ermordet und nur acht Hintermänner
verurteilt. Allein 2003 wurden unter der Regierung
Lula mehr als 71 ermordet.
Die Gewalt findet auch in
Form von Zwangsräumungen, Folterungen, missbräuchliche Festnahmen, Zerstörung
von Häusern usw. statt und nimmt jedes Jahr zu.
Die staatliche Gewalt nimmt jedes Jahr zu: Androhungen von
Zwangsräumungen, verfügte Zwangsräumungen und Verhaftungen. Die rund 6monatige
Inhaftierung von José Rainha 2003 war
ein Symbol dafür: die sozialen Kämpfer sind verhaftet, gebracht zum Zuchthaus
mir der höchsten Sicherheitsstufe, angeschuldigt des "gravierenden
Diebstahls" und der „Bildung einer kriminellen Bande", d.h. sie
werden als gewöhnliche Banditen behandelt.
Die
„Bewegung der landlosen Agrararbeiter
(MST – Movimento dos Trabalhadores Rurais sem Terra)“ ist die größte der 64
Landlosenorganisationen in Brasilien.
Bedeutende
Führer der MST – Stédile, Rainha, Rodrigues usw. – sind
Unterstützer der Volksfrontregierung Lula, erklären im Moment einen
„vorübergehenden“ Waffenstillstand und machen überwiegend Kampagne für die
Kandidaten der Arbeiterpartei von Lula.
Dies bedeutet aber nicht,
dass die armen Massen der MST und der anderer verschiedenen landlosen
Organisationen Brasiliens, Lula und die Arbeiterpartei unterstützen.
Unsere CONLUTAS (Nationalkoordinierung der Kämpfe) ist
ein gutes Beispiel für eine kämpferische Aktion gegen Lulas Politik auf dem
Gebiet der Landfrage.
In der Tat nehmen die Landbesetzungen
zu.
Der Kampf um die Agrarreform in
Brasilien geht weiter.
Jeden Tag vereinigen sich mehr landlose
Familien, um das grundlegende Recht auf Arbeit, Wohnung, Gesundheit und Leben
zu fordern.
Allein im „Roten-April“ 2004 gab es 109
Besetzungen, eine Erhöhung von 115% in Bezug auf 2003.
Die Bourgeoisie und die
Großgrundbesitzer versuchen, die sozialen Bewegungen zu kriminalisieren.
In diesem Spiel befindet sich die
Regierung nicht auf der Seite der Agrarreform. Während Lula über die Einhaltung
des Gesetzes spricht, organisieren die Großgrundbesitzer die bewaffneten
Banden.
Die
Kämpfe der Landlosen und ihre Vereinigung gegen die Großfarmers ist der Grund eines großen
Skandals für die Regierung Lula.
Auch unter der Regierung
Lula organisieren die Großgrundbesitzer bewaffnete Banden und Todesschwadrone,
deren Mordaktionen straflos bleiben.
Der Landwirtschaftsminister Roberto
Rodrigues nannte dies eine "aggressive Bedrohung des Rechtsstaats und
der Demokratie".
Justizminister Márcio Thomaz Bastos
verteidigte sogar die "legalen"
bewaffneten Aktionen der privaten Sicherheitsdienste, in dem er meinte, dass „Killers es nicht darf, aber
Privatsicherheitsdienst schon.“
Der Präsident Lula aber sagte: "Wir
werden nicht erlauben, dass die eine oder andere Seite gesetzwidrige Handlungen
unternimmt."
Die Verfassung und das Gesetz schützen
das kapitalistische Eigentum.
Bis heute wird das „Gesetz über
Verbrechen aus niedrigen Motiven“ benutzt, um soziale Bewegungen zu bekämpfen
und sie als Vereinigungen von kriminellen Organisationen zu denunzieren.
Die einstweilige Verfügung Nr. 2.183,
die der ehemalige Präsident Cardoso dekretiert hat, wurde nicht durch Lulas
Arbeiterpartei (PT) abgeschafft.
Diese Verfügung gegen die Besetzungen
kriminalisiert die Bewegung und schließt für zwei Jahre aus dem
Agrarreformprogramm die besetzten Gelände und diejenigen, die an die
Besetzungen teilgenommen haben, aus.
Basierend auf die Verfügung sagte der
Gouverneur vom Bundesstaat São Paulo, Geraldo Alckmin (PSDB, d.h. Partei der
Sozialdemokratie Brasiliens), dass das Gesetz eingehalten werden muss:
"Niemand hat die Verfügung gegen Besetzungen aufgehoben. Wir müssen das
Gesetz respektieren. Im Bundesstaat São Paulo werden alle Wiedereinsetzung in
das Besitz vollstreckt."
Während die Regierung Lula über die
Einhaltung des Gesetzes spricht, organisieren die Großgrundbesitzer bewaffnete
Banden.
Die Demokratische Union der Landbesitzer
(União Democrática Ruralista - UDR) ist eine der Einrichtungen, die diese
Bewaffnung offiziell organisiert.
Die verschiedenen Dachverbände der
Landwirtschaft (Federações da Agricultura) machen das auch.
Im Bundesstaat Pernambuco erzeugen
die "Sicherheitsunternehmen" den gesetzlichen Eindruck der Killertätigkeiten.
Außerdem gibt es paramilitärische
Organisationen und die, die sich vorstellen wie sie wirklich sind:
Todesstafeln, eingestellt von Großgrundbesitzern wie im Bundesstaat Pará. Egal
wie man es juristisch benennt, werden diese Killertätigkeiten durch
Straflosigkeit gefördert.
Damit eine Familie in das
Agrarreformprogramm Lulas eingetragen werden kann, muss sie zwei Jahre auf dem
betreffenden Gebiet wohnen und über "Landswirtschaftsberuf" verfügen,
der nach Einschätzung der Regierung festgeschrieben wird.
Dieses Gesetz schließt schon die neuen
Siedler von Pontal do Paranapanema aus.
Der Minister für die Agrarentwicklung
Miguel Rosetto, Vertreter des rechten Flügels des brasilianischen Mandelismus (des Vereinigten
Sekretariats der Vierten Internationale), versprach zwar, die Ansiedlung von Pontal do Paranapanema
zu unterstützen.
Aber ihm wurde vom Justizsekretär
Alexandre de Morais die Befugnis entzogen, dass diese Familien kriminelle
Banden zur Landbesetzungen gebildet hätten: "Die angesiedelten Familien
werden kein Eigentum haben. Sie sind dabei, echte Banden zu bilden, um die
Besetzungen zu fördern."
Frage 7: Es soll unter Lula auch eine Reihe
linker politischer Gefangener
geben. Wer sind diese Gefangenen und wie ist ihre Situation?
Momentan
sitzen rund 19 führende Aktivisten der Landlosenbewegung in Gefängnissen der
Bundesländer São Paulo, Mato Grosso do Sul, Paraná, Paraíba und Sergipe. Diese
Gefangenen fordern, als politische Gefangene von der Regierung Lula anerkannt
zu und nicht als Kriminelle behandelt zu werden. Einer der Gefangenen ist
Ismael Dias de Oliveira, Regionalkoordinator der Landlosenbewegung von
Amazonien (MSTA) und der Nationalkoordinierung der Kämpfe (CONLUTAS). Er befindet sich seit dem 6. Mai 2004 wieder
im Gefängnis der Oberbehörde der Bundespolizei von Manaus. (Email-Proteste für
die Freiheit von Ismael bitte an das Secretaria Especial de Diretos
Humanos, Tel/fax: (61) 321-1565, E-mail: ouvidoria@sedh.gov.br).
Nach einem im Gefängnis durchgeführten Aufstand
wurde Ismael angeklagt als einer der Organisatoren. Als der Aufstand zum Ende
ging und Sondereinheiten der Militärpolizei das Gefängnis stürmten wurde Ismael
und andere Gefangenen jeden Tag geschlagen. Er musste während einer Woche total
nackt bleiben und durfte erst nach 15 Tagen die Zähne putzen, als er ein
Gerichtsverhör hatte.
Seine Anklage lautet auf Bandenbildung, Beschädigung
am öffentlichen Eigentum, Betrug und Verbrechen wegen Umweltzerstörung.
In Wirklichkeit haben die Landlosen Ländereien von
SUFRAMA besetzt, der Aufsichtsbehörde der Freihandelszone von Manaus, eine
Agentur der Bundesregierung, die für die wichtigsten Geschäfte und
Investitionen in Amazonien zuständig ist.
Bei der "Bande" handelt es sich um 3 000
Besetzer und Besetzerinnen des Nova Vitória Gebietes, die sich dort mehr als
acht Monate befinden.
In Manaus sind 30 Millionen Hektare in den Händen
der Söldner der Großgrundbesitzer gehalten, die die dort ansässigen Bewohner
gewaltsam vertrieben haben.
In einem Brief, der der ehemalige Gefangene der
Regierung Lula, Júlio César Ferraz, Generalsekretär der MSTL, der PSTU –
Brasilien geschickt hat, schreibt
er: "Hiermit bitte ich als ein
Revolutionär der MSTL, dass mein bescheidener Name in der Liste der politischen
Gefangenen aufenommen wird." (datiert vom 30. Oktober 2003)
In dem "Offenen Brief der politischen
Gefangenen des Bundeslandes Amazonien", datiert vom 4. Februar 2004 und
adressiert an Lula, schreiben sie: "Entweder lassen Sie uns frei oder behandeln
sie uns als politische Gefangenen Ihrer Regierung."
Lino Macedo, Nationalkoordinator der Bewegung der landlosen
Agrararbeiter (MAST), und drei andere Aktivisten, sind jetzt wegen illegaler Waffentragung
im Gefängnis des Pontal do Paranapanema, São Paulo. Die MAST als eine Spaltung der MST von
Stédile führte 8 Landbesetzungen in den letzten 2 Monaten durch und leitet 18
Campings auf diesem Gebiet in São Paulo.
Claudemir Gilberto Ramos und Cícero Pereira Leite Neto, Mitglieder
der Bauernbewegung von Corumbiara – Rondônia (MCC) wurden als Täter wegen des
Massakers von Corumbiara verurteilt, obwohl sie selbst Opfer waren (Proteste an
das Superior Tribunal de Justiça, SAFS – Quadra 06 – Lote 01, Cep: 70095-900
Brasília –DF, Tel/Fax (61) 319-8194, 3198195).
Frage 8. Wer profitiert von der Politik der Regierung
Lula?
Der IWF, die imperialistischen Länder, die
ausländischen und die nationalen Banken, die großen Multinationalen, die
Großgrundbesitzer und die Bourgeoisie, in einem Wort: die Kapitalisten
profitieren mit der Regierung Lula.
Für die Arbeiter, Landlosen
und Armen gibt es keinen Grund, einen einzigen Tag der Regierung Lula zu
feiern.
Nach dem Finanzminister Antônio Palocci würden die
Probleme der brasilianischen Wirtschaft nicht ihren Ursprung in der durch das
ausländische Kapital durchgesetzte Herrschaft haben, die Brasilien mittels der
Innen- und Außenverschuldung abwürgt: was bisher immer von den Linken und allen
Ökonomen der Arbeiterpartei (PT) behauptet wurde.
Das zentrale Problem der Wirtschaft wäre das
Finanzdefizit und die Abwesenheit einer klaren politischen Linie aller
vorherigen Regierungen, um den geforderten "Grundüberschuss" (primary
superavit) zu erreichen, d.h. damit Geld übrig bleibt, nachdem die Einnahmen
und die Ausgaben der Regierung buchgeführt werden, ohne mit den Zinsbezahlungen
und Schuldraten zu rechnen. Der Internationale Währungsfond (IWF) fordert - und
die brasilianischen Regierungen erfüllen -, dass die Regierung Gewinn
(Überschuss) macht, dass sie mehr kassiert als ausgibt, um mehr an die
kreditgebenden Banken zu bezahlen.
Dafür muss man die Ausgaben für das Gesundheits- und
Erziehungswesen usw. kürzen.
Die Regierung Cardoso versicherte hohe Überschüsse während
seines Mandats (erreicht wurden 3,9% im Jahre 2002) und Lula setzt jetzt ein
Abkommen des Internationalen Währungsfonds (IWF) um, das einen noch höheren
Überschuss garantiert: 4,25% im Jahre 2003.
Was Palocci behauptet ist nämlich, dass Cardoso einen
Fehler gemacht hat, in dem er eben nicht mit noch mehr Entschlossenheit die
Empfehlungen des Internationalen Währungsfonds (IWF) umgesetzt hat.
Das heißt: Das große Problem der Regierung Cardoso
war nicht seiner neoliberale Plan und seine Unterwerfung unter dem
Internationalen Währungsfond (IWF), sondern die Unfähigkeit, einen höheren
Finanzüberschuss zu erreichen.
Die "erste Verpflichtung" der
Regierung ist zufälligerweise die erste durch den Neuen Washingtoner Konsens
empfohlene Maßnahme.
Um "Krisen zu vermeiden", ist die
Idee äußerst hohe Überschüsse zu erreichen, die sogar höher sind als die "erste
Runde von Reformen", damit die Bezahlung der Bankschulden garantiert
werden. Gemäß diesem Plan sieht das Gesetz die Budgetrichtlinien für 2004 den
gleichen Grundüberschuss von 4,25% vor.
Für 2005 und 2006 soll der ins Auge gefasste
Grundüberschuss derselbe sein.
Guido Mantega, der Planungsminister, ließ keinen
Zweifel daran, dass dieser Grundüberschuss nicht niedriger als 3,75% sein kann,
d.h. mehr als der, den fast in der ganzen Regierung Cardoso gab.
Frage 9: Was müsste getan werden, um die Situation
der Masse der brasilianischen Bevölkerung zu verbessern?
Man muss mit dem IWF, mit der gesamtamerikanischen Freihandelszone (FTAA/ALCA), mit dem Imperialismus
brechen, ein Ende dieser Volksfrontregierung setzen und eine authentische
Regierung der Arbeiter, Arbeitslosen und Landlosen aufbauen, ohne Bourgeois und
Bürokraten.
Als Bush und
Lula sich zum letzten Mal im Weißen Haus getroffen haben, hat Lula
"Ja" dem FTAA (ALCA) -Terminkalender gesagt.
Die USA wollen die
Verhandlungen beschleunigen. In diesem
Zusammenhang gibt es keine andere Alternative für die USA als zu den
Verhandlungen von FTAA (ALCA) einige Punkte zu bringen, die sie bei der Welthandelsorganisation
(WTO) präsentiert haben: keine Zollbarriere für ihre eigene Agrikultur.
Das Vorhaben der Öffnung des landwirtschaftlichen
Markts wird klar in dem FTAA (ALCA) Abkommen, das die Standardisierung von den
so genannten chemisch genmanipulierten Normen für das Getreide vorsieht und den
Weg zur Erhöhung der Exporte der brasilianischen Großgrundbesitzer ermöglichen
würde. Die USA haben abgesegnet, dass die brasilianische Bourgeoisie auch an
der "Ausbeutungsorgie" in Afrika teilnimmt. Die brasilianischen
Unternehmen wollen ihren Teil am Raub dieses Kontinents, genauso wie es in
Angola gemacht wird, hauptsächlich im Bausektor.
Unter denen, die ehrlich gegen die FTAA (ALCA)
kämpfen, findet man viele, die Illusionen gehabt haben in Bezug auf die Außenpolitik
von Lula, die den Südamerikanischen Gemeinsamen Markt (MERCOSUL) und die
regionale Integration bevorzugt.
Sie dachten, sie wäre eine Alternative.
Das Außenministerium wurde sogar durch umfangreiche Linksgruppierungen
als Schutzwand des Widerstandes gegen die neoliberale Agenda, die in Brasilien
angewandt werden sollte, präsentiert.
In Wirklichkeit wäre es die erste Regierung, die
nach solchen Kriterien funktionieren würde.
Denn die Außenpolitik vielmehr als irgendeine andere
Angelegenheit der Regierung drückt die Interessen des Staats aus und vor allem
die Interessen der Klasse, die ihn kontrolliert: die Bourgeoisie.
In dem Maße, in dem die Innenpolitik der Regierung
die Interessen des Großkapitals entspricht - siehe die Kranken- und
Rentenversicherungsreform, das Konkursgesetz, die Steuer- und Arbeitsreform der
Regierung Lula -, könnte die Außenpolitik nicht anders sein.
Im Endeffekt setzt der Staat eine zentralisierte
Politik um.
Selbst der Außenminister von Brasilien, Celso
Amorim, hatte schon gesagt, dass die Verstärkung des Südamerikanischen
Gemeinsamen Markts (MERCOSUL) keine Alternative zum FTAA (ALCA) wäre.
Aber die Erklärungen von Lula in Washington waren
noch kategorischer, indem er behauptet, dass sich der MERCOSUL und die
südamerikanische Integration "in ein gutes Geschäft für die
US-Unternehmen verwandeln kann."
Als Lula zeigte, im wessen Dienst die
"regionale Integration" steht, versuchte er "die privaten
Unternehmer und die Rentenfonds, die in dieses Projekt investieren,
insbesondere die schon interessierten US-Aktiengesellschaften zu überzeugen. Es
war keine Übertreibung der bürgerlichen Presse, die berichtet hatte, dass "Bush den Plan von Lula billigt, um mit
diesem Latein-Amerika zu führen."
Denn dieser Plan schließt nicht die Interessen der
USA aus.
Im Gegenteil: er spiegelt die strategische Option
der Bourgeoisie wider, die in Brasilien mit Kapital eingerichtet ist, um sein
Bündnis mit dem "Herr" des Nordens zu vertiefen. Es war nicht von
geringerer Bedeutung, dass der Minister für Entwicklung, Industrie und
Außenhandel, Vorsitzender des Verwaltungsrats von Sadia AG, Luis Fernando
Furlan, sehr glücklich und zufrieden mit der Sitzung war: "Von der
Seite der USA gibt es den politischen Willen der Annährung an Brasilien und den
Wunsch einer positiven Agenda."
Frage 10: Eine Reihe von
Abgeordneten und die Senatorin Eloisa Helena haben gegen die neoliberale
Politik der Regierung Lula protestiert. Sie wurden daraufhin aus der PT ausgeschlossen
und haben eine neue Partei gegründet. Welche Chancen hat diese neue Partei?
Diese Bundesabgeordneten
Babá, Luciana Genro und João Fontes und die Senatorin Heloísa Helena haben
zusammen mit Gramsci-Intellektuellen wie Carlos Nelson Coutinho, die brasilianischen
Aktivisten des linken Flügels der Mandelisten (Vereinigtes Sekretariat der
Vierten Internationale) und der Taffeeisten (CWI) in Juni 2004 eine
reformistische Partei für Wahlstrategien, namens P-SOL, Partei für Sozialismus und Freiheit, gegründet.
Die Strategie dieser neuen reformistischen Partei
wurde vom Ideologe, Carlos Nelson Coutinho, Vertreter der Zeitschrift
"Gramsci e o Brasil (Gramsci und Brasilien), in einem Plenum in Rio de
Janeiro vorgestellt.
Diese Strategie stellt sich auf die europäischen
sozial-demokratischen Parteien der 70er Jahre, bevor sie den Neoliberalismus
verkörperten.
Carlos Nelson Coutinho verteidigt das reformistische
Projekt ohne irgendeine Verzögerung.
Die Führung von P-SOL betrieb keine klare Debatte
über ihren eigenen Vorschlag, weil sie wusste, dass wenige sich von der
Tatsache begeistern würden, dass ihr Projekt in Wirklichkeit eine Reproduktion
der Lulas Arbeiterpartei von 2002 ist, bevor diese die Bundesregierung
übernommen hat. Das ist eine irreführende Option, die die Aktivisten, die jetzt
mit der PT brechen, zu einer neuen Enttäuschung führen kann.
In einer Veranstaltung für die Präsentation der
P-SOL hat die Bundesabgeordnete Luciana Genro behauptet: "Das ist eine
Bewegung, die versammelt sowohl die Reformisten als auch die
Revolutionären."
Die Erklärung von Rio de Janeiro der P-SOL spricht
niemals von Aufbruch und Revolution.
Wie in der Zeit der alten Sozialdemokratie, gibt es
nur einen minimalen Hinweis auf Sozialismus.
In autoritärer und
bürokratischer Weise haben sie die PSTU und andere Gruppierungen, die die
Gründung einer neuen revolutionären Partei verteidigen, ausgeschlossen.
Soweit diese brasilianische
linke Strömung eine reformistische Partei aufbauen wollte, die sich
hauptsächlich nur mit Wahlstrategien beschäftigen wird, hat sie sich dafür
entschieden, alle, die für eine unterschiedliche Stellung kämpfen, aus der
neuen Bewegung auszuschließen.
In dieser Weise machte sie
nichts anders als die gleichen bürokratischen Methoden anzuwenden, die gegen
sie selbst - d.h. gegen die EX-PT Senatorin Heloísa Helena und die EX-PT
Bundesabgeordneten Babá, Luciana Genro und João Fontes - durch die Führung von
Lulas Arbeiterpartei angewandt wurden.
Das Überraschendste ist
nämlich, dass die Bildung der P-SOL ohne irgendwelche Debatte mit der Basis
durchgeführt wurde. Was in den Bundesländern Brasiliens abgelaufen ist, waren
Veranstaltungen für die Präsentation dieses neuen Parteiprojekts. Für die
Aktivisten blieb nur die Aufgabe übrig, Unterschriften für die parteiliche
Legalisierung zu sammeln. Jetzt werden diese Genossen das gleiche Schicksal
teilen, das die Basis der Lulas Arbeiterpartei zurzeit hat: Stimmen sammeln,
damit die Parlamentarier gewählt werden und alles entscheiden können.
Die Spaltung der Bewegung
zur einen neuen linken Partei in Brasilien ist so eingetreten.
Die Möglichkeit einer
vereinigten Bewegung, die den von der Lulas Arbeiterpartei zurückgelassenen
linken Raum einnehmen könnte, wurde durch die Bundesabgeordneten und die Senatorin
Helena aufgegeben.
Wir von der PSTU
verteidigten, dass die Bewegung zum Aufbau einer neuen Partei einen breiten und
vereinigten Charakter hätte, die die Vielfältigkeit aller derer, die mit der PT
von Lula gebrochen haben, umfassen konnte, was Revolutionäre und Reformisten
einschließen würde.
Aber wir waren dafür, dass
auch eine tiefe programmatische Debatte in dieser Bewegung gäbe, die den
Charakter der Partei und dessen Programm festlegen konnte.
Eine revolutionäre Partei
ist nicht eine Gewerkschaft, d.h. ein Organismus für die Einheitsfront, in der
die Einheit der reformistischen und revolutionären Arbeiter um minimale
Forderungen nötig ist, wie der Kampf um Lohn und Arbeitsplatz.
Eine revolutionäre Partei
muss der Gesellschaft ein revolutionäres Machtprojekt bringen. Das Hauptgewicht
dieser Partei muss der direkte Kampf der Massen im Rahmen einer revolutionären
Perspektive sein. Zurzeit existiert in ganz Lateinamerika ein Prozess von
Erschütterungen, die sich auch in Brasilien ausdrücken kann, mit
Polarisierungen, die man schon in Äquator, Argentinien und Bolivien gesehen
hat.
Eine neue reformistische PT
mit dem Namen P-SOL wird einen revolutionären Aufschwung nicht überleben oder
noch schlimmer eine reaktionäre Rolle spielen, soweit sie mit einer
opportunistischen Führung gebunden bleibt. Er reicht daran zu denken, was wird
mit dieser neuen Partei geschehen, in dem sie die "Demokratisierung des
Staates" und die Anpassung an die bürgerliche Demokratie verteidigt, wenn
die Massen das Regime in Frage stellen. Diese alte "neue Partei" wird
das Regime gegen die Massen verteidigen. Deshalb ist es ein großer Fehler, das
Rad der Geschichte versuchen zurückzudrehen und eine neue PT wieder ins Leben
zu rufen. Der aktuelle Geschichtsmoment weist zweifelsohne auf die
Notwendigkeit einer neuen revolutionären Partei hin.
Dies war nicht der Kurs, den wir von PSTU gewählt
haben, aber das ist die Wirklichkeit: die Bewegung zur einen neuen Partei in
Brasilien ist gespalten. Wir sind nicht mit dieser Spaltung einverstanden und
nicht für dieses reformistische Wahlprojekt, in dem sich die P-SOL engagiert
hat.
Aber dies bedeutet nicht, dass der Kampf um die
Einheit hier endet. Auch wenn wir in unterschiedlichen Parteiprojekten
gespalten sind, können wir versuchen, einheitlich in den Kämpfen einzugreifen.
Deshalb machten wir den Genossen der P-SOL zwei Vorschläge:
Der erste hat mit den Kämpfen gegen die
Gewerkschafts- und Arbeitsreformen der pro-imperialistischen Regierung Lula und
mit der Bildung der Nationalkoordination der Kämpfe (CONLUTAS) zu tun. Mitte
März 2004 fand ein Nationaltreffen in Luziânia, Bundesstaat Goiás, statt, wo
sich rund 1.800 Genossen von 280 Gewerkschaften sammelten. Es wurde eine
Nationalkoordination eingerichtet, deren Ziel es ist, der Vereinigung der
Kämpfe gegen die neoliberalen Reformen der Gewerkschaften, die innerhalb oder
außerhalb des Gewerkschaftsdachverbandes Central Única dos Trabalhadores (CUT)
sind, zu helfen. Ohne Einigkeit wird unsere Niederlage im Kampf gegen die
Volksfrontregierung Lulas, die sich auf die Mehrheit des Volkes stützt, sicher
sein, obwohl diese Regierung neuerdings in den Umfragen ihre Popularität
einbüßt. Die Genossen der P-SOL sind dabei in ihrer Mehrheit in ganz Brasilien
die Landestreffen gegen die Gewerkschafts- und Arbeitsreformen Lulas zu
boykottieren. Damit erschweren sie die Kämpfe und helfen der Lulas
Nationalführung des Gewerkschaftsdachverbandes Central Única dos Trabalhadores
(CUT). Wir hoffen, dass die Genossen der P-SOL ihre politische und gewerkschaftliche
Einstellung ändern und sich der Nationalkoordination der Kämpfe (CONLUTAS) und
der Vorbereitung der Landestreffen anschließen.
Der zweite Vorschlag hat mit den Wahlen von 2004 zu
tun. Die PSTU wird in den wichtigsten Städten Brasiliens Kandidaten präsentieren.
Was wird die P-SOL machen, die noch nicht eine offizielle Partei ist? Wird sie
die Kandidaten der Regierung Lula unterstützen? In Maceió, Bundesstaat Alagoas,
hat die Senatorin Heloísa Helena ihre Unterstützung für Regis Cavalcanti,
Mitglied der Sozialistischen Volkspartei (PPS: Partido Popular Socialista) von
Lulas Minister Ciro Gomes, erklärt. In Rio de Janeiro hat Milton Temer, Ex-PT
Abgeordneter der Gruppe um Carlos Nelson Coutinho und Mitglied der
Nationalführung der P-SOL, seine Unterstützung für Jandira Feghali der
Kommunistischen Partei Brasiliens (PCdoB : Partido Comunista do Brasil), eine
anderer Koalitionspartei der Regierung Lula, erklärt.
Ist es korrekt, Vertreter einer Regierung politisch
zu unterstützen, die dasselbe durchführen, wie es auch Lula mit seiner Partei
dem brasilianischen Volk zufügt? Deshalb rufen wir alle Genossen der P-SOL auf,
die Kandidaten der PSTU gegen die pro-imperialistische Regierung Lula, gegen
die gesamtamerikanische Freihandelszone (FTAA/ALCA), gegen den internationalen
Währungsfond (IWF) zu unterstützen. Es wäre schlecht, wenn die brasilianische
Linke sich bei den Wahlen wieder als eine geteilte Linke präsentiert sowohl
jetzt als auch im Jahre 2006.
Frage 11. Gibt es innerhalb des CUT eine
Opposition zur Politik der PT und Lulas?
Die Arbeiterklasse und die
Studentenschaft dürfen nicht mehr von dem regierungstreuen
Gewerkschaftsdachverband Central Única dos Trabalhadores (CUT) und dem
Studentischen Nationalverband (UNE) geführt werden.
Die Zusammenstösse mit der
Regierung Lula finden ohne die Unterstützung dieser Organisationen jetzt statt.
Die kämpferische
Alternativ, die zurzeit in Brasilien entsteht, ist die CONLUTAS
(Nationalkoordinierung der Kämpfe).
Deswegen war in jedem
Bundesland die Mobilisierung für die Demonstration vom 16. Juni 2004 in
Brasilia ein wichtiges Zeichen von Widerstand gegen die Lula Regierung. Am 16. Juni haben mehr als 25.000 Tausend Arbeiter
und weitere Aktivisten in Brasilia mit der neuen Nationalkoordinierung der
Kämpfe (CONLUTAS) demonstriert und gezeigt, dass der Kampf gegen die
pro-imperialistische Regierung Lula intensiv weitergeht.
In der Tat hat der 2003 stattfindende 8. Kongress des
Gewerkschaftsdachverbandes Central Única dos Trabalhadores (CUT) sich dadurch
ausgezeichnet, dass die Arbeiterpartei von Lula (PT) als eine der politischen
Partei der brasilianischen Arbeiterklasse das ganze Land regiert und dass ihre
Articulação Sindical, die Mehrheitsströmung der CUT, eine einzige Aufgabe in
diesem Kongress hatte, die folgendermaßen zusammengesetzt werden kann: der
wichtigste Arbeitergewerkschaftsdachverband des Landes, der im Kampf der
brasilianischen Arbeiter aufgebaut wurde, um ihre Rechte zu erweitern und
verteidigen, sollte jetzt diese Arbeiter überzeugen, auf ihre eigenen
Errungenschaften zu verzichten. Die unvermeidliche Politisierung des Kongresses
spielte deswegen die Haltung jeder Strömung und Organisation in Bezug auf die
Regierung Lula wieder.
Der Widerspruch des
regierungstreuen Blocks und seine verschiedenen Nuancen haben sich darin
ausgedrückt, dass die Kranken- und Rentenreform der Regierung Lula, der
wichtigste Punkt der Tagesordnung des Kongresses, viele Rechte der Arbeiter
beschneiden musste.
Die CUT, die gegründet
wurde, um die Rechte der Arbeiter zu verteidigen, sollte logischerweise gegen
diese Kranken- und Rentenreform kämpfen. Aber wie ein Redner der Articulação
Sindical von Lula sagte: "Das Problem ist sehr komplex!". Das Problem ist nämlich, dass die mehrheitliche
Partei der brasilianischen Arbeiterklasse an die Regierung kam und sich dafür
ausspricht, zusammen mit der Bourgeoisie zu regieren und die Forderungen des
Internationalen Währungsfonds (IWF) zu erfüllen.
Die Strategie, mit der die
Articulação Sindical in den 8. Kongress der CUT eingegangen ist, war klar und
deutlich: die CUT sollte sich in einen gewerkschaftlichen Arm der Regierung
umwandeln. Während die CUT von den Arbeitern am öffentlichen Dienst Opfer
gefordert hat, wurden diese Opfer damit gerechtfertigt, dass es jetzt
"unsere Regierung" sei. Somit wurde die historische Losung der
CUT über die Nicht-Bezahlung der Auslandsschulden zurückgenommen.
Aber wenn die Articulação
Sindical eine klare Strategie hatte, mussten die anderen Strömungen im Rahmen
des regierungstreuen Blocks mit dem Widerspruch ihres eigenen Diskurses
arbeiten. Einerseits "ist die Regierung
Lula unserer Regierung", auf
der anderen Seite "ist es notwendig gegen die Kranken- und
Rentenversicherungsreform zu kämpfen."
Die bedingungslose Verteidigung der Regierung Lula
wurde nicht ohne Krisen und Widersprüche durchgeführt. Sogar innerhalb der
Articulação Sindical fand eine sehr spannende Versammlung statt, in welcher die
vom öffentlichen Dienst gewählten Delegierten zur Änderung des ursprünglichen
Vorschlags ihrer Strömung über die Kranken- und Rentenversicherungsreform
zwangen.
Sie hätten punktuelle Unterschiede in Bezug auf den
Vorschlag der Regierung Lula, indem sie das Wesen dieses Vorschlags aufbewahrt
hätten: ein Betrugsmanöver mit ihrer eigenen Strömung.
Der 8. Kongress der CUT spiegelte den Widerspruch
des Diskurses der Mehrheit der Strömungen wider und drückte den schreienden
Unterschied zwischen dem, was man sagt und dem, was man macht, aus. In diesem
Sinne haben die Corrente Sindical Classista (Strömung der Kommunistischen
Partei von Brasilien - PCdoB) und die Democracia Socialista (Strömung der
Mandelisten) eine bedauerliche Rolle gespielt. Eine der härtesten Rede gegen
die Kranken- und Rentenversicherungsreform der Regierung Lula wurde in der Tat
von einem Vertreter der Corrente Sindical Classista gehalten. In der Folge hat
sich aber diese Strömung mit dem regierungstreuen Block zusammengeschlossen und
spaltete die Abstimmung über die Reformdebatte, indem die Aufnahme der Stellung
von Articulação Sindical erleichtert wurde.
Die Existenz der Regierung Lula stellt alle
Organisationen der Arbeiterklasse in Frage: man muss entweder die Bewahrung der
historischen Forderungen der Arbeiterklasse verteidigen oder die Treue zur
Regierung Lula halten und somit wird jeder Spielraum für Manöver eingeengt,
selbst auf einem Kongress. Dieser Spielraum wird immer noch enger auf dem
Gebiet des alltäglichen Kampfes.
Wenn die Regierung Lula mit der Wahl von Luís
Marinho siegreich aus dem 8. Kongress herausgekommen ist, hat sie ihr zweites
Ziel nicht erreicht: den Ausschluss der Movimento por uma Tendência Socialista
(MTS - Bewegung für eine sozialistische Tendenz) und des Blocks Unir a Esquerda
da CUT (Vereinigung der Linke in der CUT) aus der Führung des Gewerkschaftsdachverbandes.
Am Ende hat sich die ganze Spannung ausgedrückt, die den ganzen Kongress
charakterisiert hat und im Klassenkampf weiter charakterisieren wird.
Auf der einen Seite sagte Marinho: "Soweit die
Beschlüsse abgestimmt sind, müssen alle sie respektieren", und auf der
anderen Seite behauptete Zé Maria: "Der Klassenkampf wird nicht die
Forderungen aufgebe, die dieser Kongress nicht abstimmen wollte." Marinho
wird versuchen der CUT die gleiche "politische Disziplin"
aufzudrücken, die José Dirceu und José Genoíno der Arbeiterpartei (PT) jetzt
aufzwingen.
Die Linke der CUT steht jetzt vor einen enormen
Herausforderung, die keine von den Strömungen im Alleingang bewältigen kann:
die Verteidigung der historischen Interessen der Arbeiter und Arbeiterinnen
muss direkt in der Bewegung aufgebaut werden. Im diesen Sinne sind die Genossen
von Fortalecer a CUT (Verstärkung der CUT) einer enormen politischen
Verantwortung verpflichtet. Denn es ist nicht übertrieben zu sagen, dass der
Kampf für die Einheit der Linken eine unermüdliche Initiative der Delegierten
von Unir a Esquerda da CUT.
Der Aufbau der Liste 2 war ein großer Sieg. Aber er
fand nicht mit der politischen Klarheit statt, die in unserer Meinung notwendig
gewesen wäre, um den Herausforderungen entgegenzutreten, die auf uns warteten.
Wenn der gemeinsame Kampf gegen die PEC/40 (Entwurf Nr. 40 für eine
Verfassungsänderung) die politischen Grundlagen für den Aufbau der Liste
geschafft hat, wird die gemeinsame Intervention in den Klassenkampf
entscheidend sein. Die Verantwortung der Genossen von Fortalecer a CUT ist in
diesem Sinne sehr groß, weil sich innerhalb dieser Strömung solche Widersprüche
des 8. Kongresses ebenfalls reflektiert haben. Das ist der Grund dafür, dass
Widerstände da waren, um eine gemeinsame Liste zu bilden. Nach den aufgebauten
Einheit mit den Genossen des Blocks Unir a Esquerda da CUT wird die Movimento
por uma Tendência Socialista (MTS) nicht mehr die gleiche sein. Neue Aufgaben
benötigen neue Wege.
Frage
12. Welche Alternative gibt es für die brasilianischen Arbeiter und
Landlosen?
Arbeiter, Arbeitslosen und Landlosen von Brasilien
organisieren sich jetzt im Rahmen der CONLUTAS (Nationalkoordinierung der
Kämpfe) für die Zusammenstöße gegen die Angriffe, die Lula mit den
internationalen und brasilianischen Unternehmern gegen ihre historischen Rechte
vorbereiten. Auch der Kampf gegen die Universitätsreform von Lula, die die
öffentlichen Universitäten privatisieren will, ist im Gang. Dafür müssen wir
neue Führungskomitees schaffen, die diese neuen Aufgaben erfüllen können.
Man wird nicht eine radikale Lohnerhöhung erreichen,
das Problem der Arbeitslosigkeit lösen, die Agrarreform voranbringen, ohne mit
der gesamtamerikanischen Freihandelszone (FTAA/ALCA) und dem internationalen
Währungsfond (IWF) zu brechen, ohne dass eine sozialistische Revolution in
Brasilien stattfindet.
Das Ende der Erwartungen auf Veränderungen hinter
der Regierung Lula muss auch eine klare Bilanz über die „Wahlstrategie“
bedeuten.
Die PSTU behauptet, dass nur eine sozialistische
Revolution, das Land verändern kann. Wir wissen, dass eine Revolution nicht
morgen stattfinden wird. Wir sind noch unter dem notwendigen Niveau der
Mobilisierung, Organisation und Bewusstsein der Massen. Brasilien befindet sich
in der Nachhut der lateinamerikanischen Kampfprozesse.
Aber es ist notwendig, auf die strategische
Unentbehrlichkeit der Revolution als Alternative zu der immer gleichen Lage
hinweisen, die nur Enttäuschungen verursacht.
Es handelt sich auch nicht um eine ultralinke
Haltung, die die Wahlprozesse verneint. Soweit die Massen an bürgerlichen
Wahlen glauben, wird die PSTU an ihnen teilnehmen.
Aber wir erliegen der Illusion nicht, dass man das
Land durch Wahlen ändern wird. Wir setzen auf die Mobilisierung der Massen und
glauben, dass der Bankrott der Regierung Lula den Ausbruch großer
Massenmobilisierung begünstigt, dass ihre Niederlage oder diejenige
irgendwelcher Regierung, die im Jahre 2006 gewählt wird, ermöglicht.
[1] * Emilio Astuto ist Mitarbeiter des
Lateinamerikanischen Instituts für Sozioökonomische Studien ILAESE in Sao Paulo
(Brasilien) und Aktivist der Vereinigten Sozialistischen Arbeiterpartei PSTU.
Die PSTU nimmt als einzige größere Linkspartei nicht an der Regierungskoalition
von Präsident Luís Inácio da Silva – genannt Lula – teil. Sie kritisiert, dass
an dem Bündnis von Lulas Arbeiterpartei (PT) auch bürgerliche Parteien
beteiligt sind. Emilio Astuto verteidigt als Rechtsanwalt unter anderem
Aktivisten der Landlosen- und Gewerkschaftsbewegung.